Ich bin, was ich schreibe: Das Konzept der Narrativen Identität
- brkn63
- 25. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
„Früher oder später erfindet sich jeder Mensch eine Geschichte, die er für sein Leben hält“ Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein (1964).
Jill Price ist die erste dokumentierte Person mit einem “hyperthymestischen Syndrom” oder Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM). Sie kann sich an fast jeden Tag ihres Lebens im Detail erinnern und ist in der Lage, Ereignisse und Daten genau wiederzugeben, auch Jahre später. Sie erinnert sich nicht nur an bestimmte Momente, sondern an nahezu alle banalen Details. Sie weiß genau, wo sie vor 23 Jahren an einem bestimmten Tag gewesen war, wen sie getroffen hatte, wie das Wetter war, was es zum Mittagessen gab oder welche Schlagzeilen morgens in der Zeitung standen.
Dieses einzigartige Gedächtnis ist für Price ein Fluch. Sie beschrieb ihre Erinnerungen als “unendliche, unkontrollierbare, automatische Wiedergabe” von Ereignissen, die sie ständig wieder durchlebt. Diese lebhaften Erinnerungen haben es ihr schwer gemacht, emotional loszulassen, da negative Erlebnisse genauso präsent bleiben wie positive.
Jill Price veröffentlichte ihre Erfahrungen in einem Buch mit dem Titel The Woman Who Can’t Forget (Die Frau, die nicht vergessen kann), in dem sie beschreibt, wie es ist, mit einem solchen Gedächtnis zu leben und die Auswirkungen, die es auf ihr Leben hatte.
Wir sind nicht wie Jill Price. Unser Gedächtnis hat Lücken, versagt manchmal völlig. Wir speichern nur Ausschnitte, lassen Banales und vermeintlich Überflüssiges weg, wir vergessen Traumatisches oder beschönigen es.
Max Frisch hat es getroffen: Wir konstruieren unsere Biographie. Wir konstruieren sie, ohne dass uns die Konstruktionen überhaupt bewusst werden. Unser Gehirn ist einfach so. Es interpretiert Ereignisse selektiv und ordnet sie auf eine bestimmte Weise an, um Kohärenz und Identität zu schaffen. Sobald uns jemand bittet, unsere Lebensgeschichte zu erzählen, offerieren wir ihm das, was wir über uns zu wissen glauben.
Wissenschaftler bezeichnen das, was wir Lebensgeschichte nennen, als narrative Identität.
Der Begriff der narrativen Identität geht vor allem auf den kanadischen Psychologen und Sozialwissenschaftler Dan P. McAdams zurück. In den 1980er Jahren entwickelte er die Theorie, dass Menschen ihr Leben als Geschichte begreifen und erzählen, um ihrer Existenz Sinn und Kohärenz zu verleihen. McAdams betonte, dass wir durch narrative Identität versuchen, Erfahrungen und persönliche Entwicklungen zu integrieren und eine sinnvolle Lebensgeschichte zu schaffen, die zu unserem Selbstverständnis beiträgt. Verkürzt könnte man auch sagen: wir sind das, was wir über uns erzählen können. Die Art, wie wir unser Leben strukturieren, welche Ereignisse wir als wichtig betrachten und wie wir sie interpretieren, formt unser Selbstbild. Das Schreiben einer Biografie ist daher mehr als nur das Festhalten von Erinnerungen – es ist ein bewusster Akt der Identitätsbildung.
Genau das macht eine Biografie so wertvoll. Eine erzählte Biografie ist nicht einfach nur die nüchterne Dokumentation eines Lebens, sondern die bewusste und unbewusste Konstruktion einer Geschichte, die Sinn stiftet. Erinnerungen sind subjektiv, selektiv und wandelbar – sie verändern sich mit der Zeit, werden ausgeschmückt, vergessen oder neu interpretiert. Eine Biografie zeigt genau das: nicht nur das, was war, sondern das, was für den Erzählenden oder Schreibenden zählt. Sie ist damit ein Fenster in die Selbstwahrnehmung eines Menschen.
Das Konzept der narrativen Identität
Erinnerungen formen die „narrative Identität“. McAdams prägte den Begriff der narrativen Identität – also der Vorstellung, dass Menschen sich selbst verstehen, indem sie ihr Leben als Geschichte erzählen. In dieser Geschichte verbinden wir Erlebnisse, Wendepunkte und Erfahrungen zu einem zusammenhängenden Sinn.
„A narrative identity is an internalized and evolving story of the self.“ Dan P. McAdams
Erinnerungen sind subjektiv – aber sinnvoll. Erinnerungen sind keine objektiven Abbilder der Vergangenheit. McAdams betont, dass sie immer selektiv und interpretierend sind. Wir vergessen, verschieben, werten um – aber gerade das macht Erinnerungen zu einem Werkzeug der Sinngebung.
Lebenswenden (Turning Points) sind zentral. McAdams untersuchte besonders gern autobiografische Interviews, in denen Menschen von Wendepunkten in ihrem Leben berichteten. Diese „Turning Points“ – z. B. eine Trennung, ein beruflicher Neuanfang, ein Verlust – sind für viele Menschen besonders erinnerungswürdig, weil sie mit ihnen einen inneren Wandel verbinden.
Es gibt zwei typische Erzählmuster:
Redemptive Stories: Menschen erzählen von einer schwierigen Phase, die sie bewältigt und in etwas Positives gewandelt haben (z. B. Krankheit → Erkenntnis → Sinn).
Contamination Stories: Umgekehrt gibt es Erzählungen, in denen etwas Gutes durch ein negatives Erlebnis „verdorben“ wurde (z. B. Verlust nach einer Phase des Glücks).
Diese Muster sagen viel darüber aus, wie jemand sich selbst sieht – als widerstandsfähig, als gebrochen, als entwicklungsfähig oder als vom Leben überrollt. McAdams’ Theorie belegt, warum autobiografisches Schreiben so wertvoll ist: Es hilft Menschen, ihr Leben zu ordnen, Sinn zu erkennen und eine kohärente Erzählung über sich selbst zu entwickeln – gerade im Rückblick auf entscheidende Erinnerungen.
Takeaways
Erinnerungen sind subjektiv – Wir erinnern uns nicht wie eine Kamera, sondern wie ein Erzähler.
Identität entsteht durch Erzählung – Menschen ordnen ihr Leben zu einer Geschichte, um Sinn und Kohärenz zu schaffen.
Erinnerungen sind lückenhaft – Sie verändern sich, werden ergänzt, weggelassen oder neu interpretiert.
Narrative Identität formt unser Selbstbild – Wir sind das, was wir über uns erzählen, und ebenso das, was wir nicht erzählen.
Eine Biografie ist keine reine Faktensammlung – Sie ist eine bewusste Konstruktion, die Erlebnisse in eine sinnstiftende Struktur bringt.
Autobiografien bewahren nicht nur Fakten, sondern Perspektiven – Sie zeigen nicht nur, was passiert ist, sondern wie es erlebt wurde.
Schreiben kann Identität stabilisieren – Wer seine Geschichte aufschreibt, gewinnt Klarheit über sich selbst.
Selbstbefragung
Welche Ereignisse halten Sie für zentral in Ihrem Leben? Würde jemand anderes dieselben Schwerpunkte setzen?
Gibt es Erlebnisse, die Sie im Laufe der Zeit anders erinnert oder interpretiert haben?
Was lassen Sie in Ihrer eigenen Lebensgeschichte weg? Warum?
Haben Sie sich schon einmal dabei ertappt, wie Sie Ihr eigenes Leben erzählen und dabei bestimmte Dinge besonders betonen oder verändern?
Welche Rolle spielen äußere Erwartungen in der Art und Weise, wie Sie Ihr Leben erzählen?
Was bedeutet es für Sie, eine Autobiografie zu schreiben? Würden Sie sich dadurch selbst bewusster wahrnehmen?
Lektüretipps
Frisch, Max: Mein Name sei Gantenbein. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1964
McAdams, Dan P.: The Stories We Live By: Personal Myths and the Making of the Self. New York: Guilford Press, 1993
Price, Jill; Davis, Bart: Die Frau, die nicht vergessen kann: Wie mein unvorstellbares Gedächtnis mein Leben bestimmt. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2009
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