Biografie schreiben mit KI – Go oder No-Go?
- brkn63
- 2. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
„Vielleicht ist die eigentliche Gefahr nicht, dass Maschinen menschlicher werden – sondern, dass Menschen beginnen, sich maschinenähnlich zu verhalten.“
Anna Wiener, The New Yorker
Künstliche Intelligenz schreibt heute alles – Essays, Reden, Briefe. Und manchmal auch: Nachrufe. Große Medienhäuser lassen ihre KI inzwischen routiniert Biografien über Prominente verfassen. Und es funktioniert erstaunlich gut. Warum? Weil das Netz voll ist mit Informationen über diese Menschen. Wer ständig Spuren im Internet hinterlässt, ist für Maschinen leicht lesbar.
Aber wie sieht es mit Menschen aus, die nicht prominent sind? Oder die erst spät beginnen, ihre Geschichte zu erzählen? Dann gerät die KI schnell an ihre Grenzen.
Denn was ihr fehlt, sind nicht nur Daten – sondern Nähe. Beziehung. Empathie. Oder, wie mir ChatGPT selbst einmal antwortete: „Einer meiner größten Nachteile ist: Ich kann keinen Kaffee mit Oma trinken.“ Treffender kann man es kaum sagen.
Biografisches Erzählen beginnt nicht im Algorithmus
Biografien entstehen nicht aus Fakten. Sie entstehen aus Begegnungen. Aus Geschichten, aus Schweigen, aus Gesten, aus dem Licht, das durch das Fenster fällt, während jemand von früher erzählt. Wer einmal mit einer älteren Person gesprochen hat, mit offenen Ohren, weiß: Da beginnt Geschichte. Und zwar ganz persönlich.
Der Schriftsteller J.R. Moehringer hat mit Andre Agassi rund 250 Stunden Interviews geführt, um dessen Autobiografie Open zu schreiben. Zwei Jahre verbrachten sie gemeinsam in Las Vegas. Ein Algorithmus? Hätte das nicht gekonnt.
Und doch: KI kann helfen. Und zwar ziemlich gut.
Künstliche Intelligenz kann nicht erzählen, was Sie erlebt haben – aber sie kann helfen, es besser zu erinnern, zu sortieren, zu formulieren. Sie ist kein Erzähler, aber ein nützlicher Assistent.
Wofür Sie KI konkret nutzen können:
Erinnerungen anstoßen
Fragen Sie z. B.: „Welche Erlebnisse sind typisch für die Kindheit in den 1970er-Jahren?“
Tools: ChatGPT, Perplexity, You.com
Struktur entwickeln
Gliederungsvorschläge nach Lebensphasen, Orten, Personen oder Wendepunkten
Tool: ChatGPT
Text lebendiger machen
Bitten Sie um stilistische Varianten: „Formuliere diesen Absatz poetischer“
Tools: ChatGPT, DeepL Write
Blockaden lösen
Geben Sie eine Zeile ein – KI schlägt vor, wie es weitergehen könnte
Tools: ChatGPT, Jasper
Perspektivenwechsel ausprobieren
Lassen Sie sich Ihre Szene aus einer anderen Sichtweise erzählen
Tool: ChatGPT
Fakten ergänzen
Fragen Sie: „Was war 1980 in Nürnberg los?“
Tools: Perplexity, ChatGPT mit Browsing
Tagebuchfragmente umwandeln
Z. B.: „Fasse diesen Eintrag zusammen und formuliere ihn als Erzähltext“
Tool: ChatGPT
Stil imitieren
„Schreibe im Stil von Annie Ernaux über mein Studium“
Tool: ChatGPT Plus
Ein Beispiel: Autorin Vauhini Vara
Sie verarbeitete den Tod ihrer Schwester mit Hilfe von GPT-3. Sie schrieb die ersten Sätze, den Rest lieferte die KI. Die stärksten Stellen ihres Buches Searches? Die, in denen sie selbst zu Wort kommt. Der KI-Text blieb oft glatt, generisch – und seltsam distanziert. Aber als Hilfsmittel war die KI Gold wert.
Was KI nicht kann:
Gefühle und Zwischentöne erfassen
Ihre Erfahrungen deuten
Den roten Faden Ihres Lebens erkennen
Ihre persönliche Sprache treffen
Was sie gut kann:
Ideen liefern
Strukturieren
Formulierungen vorschlagen
Blockaden auflösen
Worauf Sie achten sollten:
Konkret fragen. Beispiel: „Ich bin 1965 geboren, lebte in Franken – nenne typische Kindheitserinnerungen.“
Im Dialog arbeiten. Nicht mit dem ersten Text zufrieden sein, sondern nachfragen.
Ihre Stimme bewahren. Authentisch schlägt perfekt.
Keine sensiblen Daten eingeben. Namen und Erlebnisse ggf. anonymisieren.
Fazit: Erzählen ist menschlich
Die KI wird Ihnen keine Biografie schreiben. Sie wird nicht fühlen, nicht zweifeln, nicht stocken – alles, was menschliches Erzählen ausmacht. Aber sie kann Ihnen helfen, dorthin zu gelangen, wo die Erinnerungen warten. Am Küchentisch. Im Tagebuch. In der Stimme eines geliebten Menschen.
Sie ist ein Werkzeug. Aber erzählen – das müssen Sie.
Neugierig geworden?
Unser kostenloser Selbstlernkurs zeigt Ihnen, wie biografisches Schreiben gelingen kann – mit oder ohne KI.



Kommentare